
Diesen September haben wir (6 Crewmitglieder und 4 internationale Studierende) die Universitas nach Klaipeda in Litauen und zurück gesegelt. Dieses Abenteuer wurde unterstützt durch eine Förderung von EU-Conexus, einem Zusammenschluss mehrerer europäischer Universitäten, zu dem auch die Unis in Rostock und Klaipeda gehören. Ziel unserer Reise war zum einen der Austausch von Studierenden aus unterschiedlichen Ländern und zum anderen die Erhebung von ozeanographischen Daten auf unserer Route. Dafür haben wir vom Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) eine kleine CTD-Sonde (steht für ‚Conductivity, Temperature, Depth‘) geliehen bekommen. Diese kann außer Leitfähigkeit, Temperatur und Tiefe auch noch Sauerstoffgehalt messen. Damit die Sonde in gleichmäßiger Geschwindigkeit senkrecht nach unten sinkt darf das Boot, von dem man sie ins Wasser lässt, nicht schneller als drei Knoten sein, besser noch langsamer. Für uns bedeutete das, dass wir einmal pro Wache, etwa alle drei bis vier Stunden, ein Beiliegemanöver fahren mussten. Aber fangen wir vorne an…
Drei Tage vor unserer Abreise waren vier Studierende der Uni Klaipeda nach Rostock gereist. In unserer wunderbaren Stadt angekommen, verbrachten wir zwei Tage damit uns kennenzulernen, das Forschungsprojekt vom IOW vorgestellt zu bekommen und letzte Vorbereitungen zu treffen.
Und dann ging es auch schon los: unser erstes angestrebtes Etappenziel war Bornholm.
Mit moderatem Wind von Raum und Sonnenschein segelten wir durch die Molenköpfe gen Nordosten. Wir freuten uns dass es nach Wochen der Organisation nun los ging, doch es war auch Aufregung dabei. Unsere Internationals hatten schließlich wenig bis keine Segelerfahrung, wir kannten uns noch nicht gut und dann war da noch die Sache mit den GPS-Störungen in unseren Hinterköpfen…
Für die Etappe nach Bornholm teilten wir die Crew in zwei Wachen a fünf Personen auf, die sich in einem vier-Stunden-Wachsystem gegenseitig abwechselten. Unsere Bordsprache war jetzt natürlich Englisch, und obwohl wir uns darauf vorbereitet hatten stellte uns das hin und wieder vor Herausforderungen. Es entstanden elegante Wortneuschöpfungen wie ‚jib sticks‘ (na, wer hat’s erraten? - natürlich Segellatten) oder ‚reverse belly‘ (der Gegenbauch im Segel, den korrekten Begriff haben wir bis jetzt noch nicht herausgefunden), die in der Crew für große Erheiterung sorgten. An diesem euphorischen ersten Segeltag probierten wir die Sonde aus, weihten die Crew in deren Handling ein, schafften etwas Platz im gut gefüllten Snackfach und brachten unseren Gästen die Grundlagen bei. Vorbei an Hiddensee und Rügen wurde es langsam Abend; wir konnten aus nächster Nähe bei einer großen Militärübung zusehen, quälten uns durch einige Flautenlöcher und Nieselregen und gerieten am frühen Morgen auf den letzten Meilen in einen starken Regenschauer.
So erreichten wir nach etwa 24 Stunden ziemlich durchweicht Allinge auf der Nordostseite Bornholms. Der Regen hatte sich verzogen und in der Morgensonne breiteten wir unser durchnässtes Ölzeug an Deck aus. Das gute Wetter nutzten wir, um bei einem unserer mittlerweile ja schon fast traditionellen Spaziergänge die Gegend zu erkunden. Unseren Internationals war wohl nur teilweise klar, worauf sie sich einließen und einige brachen diesen vielleicht ein bisschen ambitionierten Spaziergang etwas verstört auf halber Strecke ab. Diejenigen, die aber durchhielten, wurden mit einem Blick auf einen atemberaubenden See und einem gemütlichen Mittagsschlaf im Anschluss belohnt. Spätestens am Ende dieses zweiten Tages aber war klar, unsere Gäste passen gut in die Crew, wir verstehen uns und trotz Anflügen von Seekrankheit macht es bis hierher allen Spaß.
Am nächsten Morgen verließen wir schon früh den Hafen, um noch am selben Tag Grönhögen auf Öland zu erreichen. Wir erlebten einen wunderschönen Sonnenaufgang und konnten dann unseren neuen A2 ziehen. Unsere Gäste waren fasziniert und wir hatten eine Menge Spaß; bei 18 kn die Welle runter ist das Grinsen auf dem Gesicht schwer wieder loszuwerden.Im Verlaufe des Tages wurde die Welle allerdings immer unangenehmer und nachdem wir den Genakker für unsere Messungen zum dritten mal geborgen und anschließend wieder gesetzt hatten, entschieden wir uns ihn nach dem vierten mal unten zu lassen und uns eine kleine Pause zu gönnen. Wir waren sowieso kurz vor Öland, wo wir schließlich im Sonnenuntergang in den leeren Hafen kamen und nach unserem 12-Stunden-Downwind-Tag auch schnell in die Kojen fielen.
Am nächsten Morgen stand die längste Etappe in diese Richtung an; etwa 160 Meilen bis nach Klaipeda. Sobald wir aus dem Verkehr an der Südspitze Ölands raus waren zumindest navigatorisch eigentlich keine große Herausforderung mehr, nur in russisches Seegebiet wollten wir auf keinen Fall geraten und hielten uns daher etwas weiter nördlich als der direkte Kurs vorgegeben hätte. Mit einem angenehmen Halbwind kamen wir schnell voran, nur alle par Stunden unterbrochen von unseren Messungen. Diese hatten es auf dieser Etappe allerdings in sich, denn unter uns erstreckte sich teilweise Wassertiefen von über 130 Metern. Dementsprechend viel Leine musste ins Wasser geworfen und dann auch wieder rausgezogen werden - gutes Oberkörpertraining. Und auch wenn wir sehr darauf achteten unsere Messungen nur über reinem Grund zu machen, waren wir doch auch jedes mal ein bisschen erleichtert wenn unsere Sonde schließlich am Ende der Leine wieder unter der Wasseroberfläche auftauchte. Wir segelten durch eine klare, überraschend warme Nacht und konnten, dank des schnellen Halbwinds, schon am nächsten Tag die Silhouette einer großen Stadt am Horizont erahnen. Ähnlich wie in Rostock liegt der Hafen Klaipedas an einem verbreiterten Fluss, der wenig später in die Ostsee mündet. Am späten Vormittag bargen wir vor den Molenköpfen die Segel und fuhren unter Motor auf die Stadt. Für unsere Internationals war es etwas Besonderes nach dieser Reise vom Wasser aus, auf einem Segelschiff, in ihre Stadt zurück zu kommen und auch wir freuten uns darauf die Stadt, die die wenigstens von uns bisher kannten, kennen zu lernen.
Wir verbrachten fünf Tage und vier Nächte in Klaipeda, wo wir nun zu Gast waren. Unsere neuen Freund:innen zeigten uns ihre große Gastfreundschaft, indem sie mit uns gefühlt alle Bars der Stadt abklapperten, uns die Spezialitäten Litauens näherbrachten (etwa ‚Pink Soup‘ oder frittiertes Brot), eine Stadtführung mit uns veranstalteten und uns in das Meeresmuseum auf der Kurischen Nehrung einluden, wo wir unter anderem eine Robbenauffangstation besuchen durften. Selbst zu einer Geburtstagsfeier in einer Boulderhalle wurden wir eingeladen!
Außerdem fand zeitgleich zu unserem Besuch die jährliche Konferenz des ICES (International Council for the Exploration of the Sea) statt und wir bekamen die Möglichkeit daran teilzunehmen. So konnten sich die Interessierten unter uns einige wirklich spannende Vorträge zu meeres- und fischereibiologischen Themen anhören, während der Rest der Crew zumindest vom Mittagessen profitierte.
An dem letzten Tag unseres Aufenthaltes stellten wir im Rahmen eines offenen Abends für Studierende die Universitas, unseren Verein und das Projekt vor. Der Raum war voll und einige Interessierte begleiteten uns im Anschluss zum Hafen, um sich noch die Uni anzusehen. Es wurde die Absicht geäußert, in Klaipeda auch einen studentischen Segelverein zu gründen, dementsprechend war das Interesse an unseren Erfahrungen groß.
Unser Abschied aus Klaipeda fiel uns schwer. Einige der Internationals blieben in ihrer Stadt und wurden durch Kommiliton:innen ausgewechselt und auch in unserer Rostocker Crew gab es Wechsel. Nach mehr als einer Woche intensivem Zusammensein mussten wir uns nun, auf mehr oder weniger unbestimmte Zeit, Lebewohl sagen.
Und das Wetter meinte es auch nicht gut mit uns; durch tagelangen starken Westwind hatte sich vor Klaipeda eine Welle aufgebaut, die teilweise deutlich mehr als zwei Meter erreichte, uns ordentlich durchschüttelte und unsere Seefestigkeit auf eine harte Probe stellte. Jetzt hieß es also 160 Meilen gegen den Wind zurück Richtung Schweden. Wo uns diese Strecke auf dem Hinweg keine 24 Stunden gedauert hatte, fuhren wir jetzt beinahe zwei Tage gegen die Welle an, die jedoch etwa in der Mitte der Strecke dankenswerter Weise langsam kleiner wurde. Kurz vor Hanö stellten wir fest dass unsere Motorelektrik Ärger machte. Als wir im Morgengrauen in den leeren Hafen fuhren sprang er zwar an, aber zuverlässig war das leider nicht und wir wussten, da kommt eine Bastelaktion auf uns zu. Erstmal aber, na klar, ein paar Stunden Schlaf.
Im Laufe des Tages schafften wir es, mit etwas telefonischer Unterstützung aus Rostock, das Problem so weit zu beheben dass wir einigermaßen zuversichtlich waren damit zumindest bis nach Hause zu kommen. So konnten wir am Nachmittag auch noch einen ausgedehnten Spaziergang um die Insel genießen. Wir alle, egal ob wir Hanö schon kannten oder nicht, waren beeindruckt end begeistert von den faszinierenden Felsformationen und der wilden Natur der Insel. Da war der lange Am-Wind schnell vergessen.
Am nächsten Morgen starteten wir in unsere letzte Etappe nach Rostock. Diesmal wieder ein Halbwind, versprach es eine schnelle Tour zu werden. Als es dunkel wurde fühlte sich das allerdings erstmal nicht mehr so an, denn es war Neumond und sehr dunkel und kalt. Doch kurz vor Hiddensee bemerkten wir plötzlich, dass die Gischt neben uns leuchtete! Schnell waren wir abgelenkt von der Kälte, denn das fluoreszierende Wasser und der klare Sternenhimmel schenkten der letzten Nacht unserer Reise etwas Magisches.
Und auch, wenn die letzten zwei Wochen wirklich eine tolle Erfahrung waren, freuten wir uns doch als wir am frühen Morgen Darßer Ort passierten. Das Gefühl, jetzt endgültig wieder in unseren Heimatgewässern zu sein und in ein paar Stunden nach Hause zurück zu kommen, ist doch immer wieder etwas Besonderes.
Nicht einmal 24 Stunden nachdem wir von Hanö losgesegelt waren erreichten wir Rostock. Bei schönstem Sonnenschein wurden wir am Steg von Friede begrüßt, die auf dem Hinweg nach Klaipeda dabei gewesen war und unsere letzte Etappe offenbar mitverfolgt hatte. Doch auch nachdem das Schiff geputzt und ausgeräumt war, war das Projekt noch nicht beendet. In den nächsten drei Tagen hatten wir noch einiges vor; wir besuchten mit unseren Gästen die Ausstellung über die Ostsee im IOW, gaben die Sonde zurück und schauten uns unsere Messdaten an. Unsere Internationals unterstützten uns bei der Mittwochs-Regatta, lernten die RS500 unseres Vereins kennen und kochten mit uns Pink Soup und Borscht. Wir gingen ins Kino und wir machten eine Stadtführung mit, bei der auch diejenigen von uns, die schon seit Jahren in Rostock leben noch einiges lernten.
Doch nach ein paar Tagen mussten wir erneut Lebewohl sagen und uns auf unbestimmte Zeit verabschieden. Die Internationals flogen zurück in ihre Länder und wir blieben zurück - unsere Herzen gefüllt mit schönen Erinnerungen, tollen Begegnungen und viel Dankbarkeit für diese bereichernde Erfahrung.
Wir möchten hier die Gelegenheit nutzen uns nochmal bei euch, unserem Verein, sowie bei Michael Naumann und Kai Kurzweg vom IOW und Jonas Renken von ProLuv herzlich für die Unterstützung für dieses Projekt zu bedanken!
Liebe Grüße
Eure Uni-Crew
Die Crew vor dem Start in Rostock

Kick-Off und letzte Absprachen im IOW, unsere Sonde im Vordergrund

Teil der Crew auf Bornholm

Auf dem Weg nach Grönhögen

Kurz nach unserer Ankunft in Klaipeda

Zurück in Rostock



